Katharina Lang, Paris VII: Chinatown
Katharina Lang ist Redakteurin bei reisenet.com und macht zur Zeit ein Auslandssemester in Paris. In dieser Stadt lebt die größte chinesische Gemeinde Europas – im 13. Arrondissement. Es gibt hier kaum Arbeitslosigkeit; und außerdem wird hier nicht gestorben.
Steigt man an der Porte d’Italie aus der Métro, fallen einem sofort die grauen Hochhäuser ins Auge. Auf das Stadtbild wird in Chinatown nicht viel Wert gelegt und wegen der vielen Baustellen und verfallenen Häuser wirkt es auf den ersten Blick eher trist. Wo viele Menschen ein Zuhause brauchen, wird in die Höhe gebaut. Die Wohntürme mit den winzigen Appartements sind das „Wahrzeichen“ dieses Stadtteils, der äußerlich nur wenig mit seinem New Yorker Pendant gemeint hat.
Einer beliebten Anekdote zufolge stirbt in Chinatown niemand: Wer dort das Zeitliche segnet und zu seinen Lebzeiten in der glücklichen Lage war, eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zu haben, vererbt sie einfach an den nächsten. Offizielle Papiere sind Mangelware im Pariser Chinesenviertel. Die asiatische Gemeinde bleibt dort gerne unter sich, gut organisierte Netzwerke schleusen die Einwanderer erfolgreich an staatlichen Stellen vorbei. Für Außenstehende ist das Leben hier nur schwer zu durchschauen.
Auch auf den Straßen sieht man fast nur Asiaten. Die meisten von ihnen kommen jedoch nicht aus China, sondern aus den ehemals französischen Kolonien Kambodscha, Laos und Vietnam. Das Leben hier läuft nach eigenen Regeln ab. Wer hier wohnt, muss nicht unbedingt Französisch sprechen: Hier kommt man auch mit Khmer, Vietnamesisch, Chinesisch und Japanisch weiter. Und man versteht sich. Chinatown wird von den Franzosen als eine geschlossene Gesellschaft mit eigenem Sozial- und Rechtssystem gesehen. Es gibt eine eigene Zeitung für das Quartier und außerdem kaum Arbeitslosigkeit. Die familiären Bande verlangen es, dass man sich gegenseitig hilft, und so findet jeder schnell einen Job.
„Wir Franzosen kommen hierher nur zum Essen“, sagte mir ein älterer Herr auf der Straße. In Chinatown gibt es – natürlich – das beste asiatische Essen der Stadt. Hier kann man sehr authentisch und vor allem günstig speisen. Was aber für Europäer wohl etwas gewöhnungsbedürftig ist: Die Authentizität bringt es mit sich, dass man in den Restaurants häufig neben laut schmatzenden und spuckenden Chinesen sitzt oder auch mal frittierte Hühnerbeine als „Beilage“ auf dem Teller landen.
Neben den Restaurants ist das 13. Arrondissement auch noch für seine vielen auf Asien spezialisierten Reisebüros bekannt. Wer den größten Kontinent der Welt bereisen will, bekommt nirgendwo sonst bessere Beratung und mehr Geheimtipps. Auch die Märkte haben es in sich. In den kleinen Läden findet man neben allerlei Asia-Kitsch auch Früchte und Gewürze, die sonst sehr schwer zu bekommen sind: Durian, zum Beispiel, wird hier als ganze Frucht verkauft (und ist übrigens wegen seines Gestanks in manchen asiatischen Ländern in öffentlichen Gebäuden verboten).
Verhungern muss in diesem Stadtteil jedenfalls niemand. Irgendein Restaurant, eine Garküche oder ein Supermarkt hat sicher rund um die Uhr geöffnet. Obwohl sich die hier lebende Gemeinde stark abkapselt, was für die französische Regierung ein Problem darstellt, scheint das interkulturelle Zusammenleben gut zu funktionieren. Das zeigt sich vor allem an den Restaurant-Schildern. Kaum eines verkauft ausschließlich Kost aus einem einzigen Land. Oft gibt es sogar „Thailändisch-chinesisch-vietnamesisch-japanische Küche“. Und dieser bunte Mix schmeckt wirklich vorzüglich.
Chinatown Paris
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